17.12.2020 | Tina Altmann

Hinterfragt: Homeschooling im Jahr 2020/21

Das Wort Homeschooling ist auf dem besten Weg, zum Wort des Jahres gewählt zu werden – ein neues Wort, eine neue Situation, eine besondere Situation. Anlass genug, mit Marcel Delmer, Business Unit Director PC-Systeme der Tech Data, darüber zu sprechen.

Redaktion: Steigen wir ganz persönlich ein – wie nehmen Sie als Vater die aktuelle Entwicklung an Schulen wahr?
Delmer: Homeschooling ist eine wirklich herausfordernde Situation für Eltern. Nicht nur inhaltlich und organisatorisch – auch seitens des IT-Equipments. Anfangs dachte ich, wir wären in unserer Familie wirklich sehr gut ausgestattet – aber schnell wurden die Mängel klar. Neuanschaffungen mussten getätigt werden, um rein technologisch ordentliche Voraussetzungen für Homeschooling zu schaffen.

Redaktion: Welche Features sind aus Ihrer Sicht bei den Ausstattungen in Schulen, aber auch für Schüler wichtig?
Delmer: Gute Frage. Für Schulen ist die Infrastruktur essenziell. Dazu zähle ich ein schnelles und sicheres Netzwerk, die notwendigen Programme für Schüler und Lehrer, Endgeräte und den Support – aber auch den Datenschutz. Schüler sollten – gerade in Zeiten von Homeschooling – über ein eigenes Gerät verfügen. Die benötigten Anwendungen definieren hier die Ausstattung der Endgeräte. Ich bin hier kein Fan von Einstiegsgeräten, denn Konferenzprogramme wie Teams oder Zoom sind sehr prozessor- und batterieintensiv. Dies sollte bei der Auswahl der Endgeräte berücksichtigt werden.

Redaktion: Was ist neben den Produkten noch wichtig?
Delmer: Die Arbeitsplätze an sich. Im Frühjahr wurden viele Not-Arbeitsplätze geschaffen, sodass die ganze Familie weiterarbeiten bzw. -lernen konnte. Nun gilt es, sich über Raumkonzepte in den privaten Räumlichkeiten Gedanken zu machen, sodass ein ergonomisches und sicherlich teilweise dauerhaftes Arbeiten unter vernünftigen Bedingungen möglich ist. Clevere Schreibtischlösungen und externe Monitore sind vor allem auch unter gesundheitlichen Aspekten für eine länger andauernde Bildschirmtätigkeit absolut notwendig.

Redaktion: Welchen Anteil haben die Lehrer an der erfolgreichen Umsetzung einer digitalen Strategie in Schulen?
Delmer: Die Lehrer haben einen gewichtigen Anteil an der Umsetzung der digitalen Strategie. Eine Schlüsselrolle nimmt jedoch die Schulleitung ein, die die digitale Ausrichtung sowie den darauf abgestimmten Ausbildungsplan für Lehrer gestalten sollte. Zudem braucht jede Schule zwingend einen IT-Beauftragten, der für den Infrastrukturplan, das Equipment, die Software für Lehrer, Wartungsverträge etc. verantwortlich ist. So ein IT-Beauftragter kann auch konzeptionell für mehrere Schulen zuständig sein oder die Themen als Dienstleistung übernehmen. Hier hilft das vom Bund am 4. November dieses Jahres verabschiedete Zusatzbudget in Höhe von 500 Mio. € für IT- Administratoren. Lehrer können eine solche Tätigkeit nicht dauerhaft on top übernehmen – für sie ist im Rahmen ihres Lehrauftrages die neue digitale Ausrichtung schon oft Herausforderung genug!

Redaktion: Treffen Sie beim IT-Fachhandel auf Hemmschwellen, das Business anzugehen?
Delmer: Teils ja. Die unterschiedlichen Förderrichtlinien der Bundesländer machen es für unsere Partner, die bundesweit tätig sind, richtig schwer. Meines Erachtens macht eine bundeslandspezifische Ausrichtung für den lokalen IT-Partner absolut Sinn, denn die Einarbeitung in die Themen, in die Anträge und Regularien ist schon sehr aufwändig und bedeutet ein Vorabinvestment seitens des IT-Fachhändlers. Wenn diese Basisarbeit erfolgt ist, lohnt sich der Einstieg für Partner sicher – wir stehen ihnen sowohl technologisch als auch mit spezifischen Programmen für Bildung und Lehre sowie mit Programmen unserer Hersteller zur Seite.

Redaktion: Was würde aus Ihrer Sicht unser Bildungssystem benötigen?
Delmer: Auch wenn zunehmend gemeinsame Bildungsstandards etabliert werden, wäre für mich ein bundeseinheitliches Bildungssystem absolut wünschenswert. Nicht nur im Hinblick auf die Vergleichbarkeit von Schülern bei Schulabschlüssen, sondern gerade bei der Etablierung digitaler Lerninhalte und Ausbildungsstandards für Lehrkräfte wäre dies hilfreich. Wir wären in Deutschland deutlich schneller und effizienter, die nötigen Änderungen zu gestalten und umzusetzen. Ich bin auch der Meinung, dass die Zeit reif ist, Schulmodelle zu überdenken! Ich finde es schon heute für meine
Kinder angebracht, wenn der reine Präsenzunterricht durch digitale „Onlinestunden“ ergänzt oder ersetzt werden würde.

Herzlichen Dank für das Interview, Herr Delmer!