Fußballfieber

„Huh“ – den Underdogs eine Chance!

David gegen Goliath, der Kleine gegen den Großen, der Schwache gegen den Übermächtigen: Diese Konstellation hatte schon immer ihren besonderen Reiz, ihre eigene Spannung, birgt sie doch mehr Überraschungspotenzial, mehr Raum für das Unerwartete und Unwahrscheinliche. In einem Spiel, in dem inzwischen jeder Schritt, jeder Pass, jede Rückgabe, jeder Assist, jeder Torschuss statistisch erfasst, analysiert, diskutiert und verglichen wird, wo alles von Trainerstäben berechnet und in strategische Konzepte gegossen wird, sind die sogenannten Underdogs des internationalen Fussballs das Salz in der Suppe, der Stolperstein, der den Großen mit Unbekümmertheit, Frische und Frechheit ein Schnippchen schlagen kann.

Wer erinnert sich nicht an die tapferen Isländer bei der EM 2016, deren Spieler nach ihrem Ausscheiden mit den Tränen kämpfend vor ihrer weiß-blauen Kurve standen und traurig und stolz zugleich ihren Schlachtruf „Huh!“ riefen, der von Sympathiebekundungen aus aller Welt begleitet wurde und noch lange danach in den diversen Fußballstadien „stilbildend“ wirkte. Oder die Nordiren, die zuvor als ein weiteres Überraschungsteam sensationell ins Achtelfinale eingezogen waren und deren feierwütige Fans dem Turnier mit „Will Grigg’s on fire“ einen wunderbar blödeligen Soundtrack verpassten und zu den lautesten, lustigsten und besten Fans des Turniers gehörten.

Die Albaner mussten bereits nach der Vorrunde den Heimweg antreten, in Tirana wurden sie trotzdem wie Volkshelden empfangen, weil sie sich sehr achtbar aus der Affäre gezogen und Gruppengegner Rumänien sogar geschlagen hatten. Der Jubelsprint des Siegtorschützen Armando Sadiku gehörte zu den einprägsamsten Bildern der Europameisterschaft, ebenso wie das Versinken des ungarischen Stürmers Adam Szalai in einem Meer aus Armen in der Fankurve, als er ein Tor erzielt hatte, mit dem niemand, wahrscheinlich nicht mal er selbst, gerechnet hatte.

All diese Bilder und Geschichten werden den Zuschauern eher im Gedächtnis bleiben als Cristiano Ronaldos Freistoß-Folklore oder Antoine Griezmanns Kopfballtreffer – vielleicht weil sie die Zuschauer daran erinnern, was diesen Sport früher einmal so einzigartig gemacht hat: Dass man niemals wusste, wie das Spiel ausgeht. Dass jeder jeden schlagen kann.

Und nicht wenige drücken im hintersten Winkel ihrer Fußballseele diesen Underdogs, die es denn millionenschweren Weltstars mal ein bisschen zeigen, die Daumen. Diese Underdogs erinnern daran, was Fussball ausmacht: Es ist ein Spiel, das nicht berechenbar ist, so wenig wie das Leben, dafür voll mit Emotionen, ein Spiel, in dem Hoffnung und Enttäuschung, Freude und Tränen, Sieg und Niederlage ganz nah beieinander liegen.